Die blaue Phase - Tyte Stone Buaba us Khur

Die blaue Phase - Die blaue Phase

Zurück in Chur mussten wir zwei neue Bandmitglieder rekrutieren. Klo’d le lapin war ein geiler Drummer mit richtig langen Haaren und das beste war: Er sang wie „Bon Scott" von den Strömlern! Den konnten wir überreden bei uns mitzumischen. Voodoo-Hänsel, der die letzten Jahre u.a. bei den "Storklane" und wie erwähnt auch bei „Insanity" Bass gespielt hatte, passte optisch eigentlich auch zu uns. Lange Haare, immer noch der Neandertalerschritt und Bassist! Hätten wir gewusst, dass er so starken Fussschweiss hatte, hätten wir ihn aber bestimmt nicht genommen! Voodoo trug leidenschaftlich immer dieselben Turnschuhe, von morgens bis abends. Klar, für Biologen eine Goldgrube, um Pilze zu studieren, aber für uns doch eher ein bisschen lästig. Voodoo trank zu dieser Zeit auch erstmals ernsthaft Alkohol und hatte nach drei Stangen oft schon ein Damenräuschchen. Ich glaube Klo’d hat mal im Rausch an Voodoos Turnschuhen gesniffed

So waren wir wieder im Geschäft! Fortan spielen wir wieder diverse Gigs in Chur, im Engadin und vereinzelt auch ausserhalb des Kantons. Wir waren immer bemüht, nicht nur in Graubünden zu spielen, sondern wollten die Schweiz abklappern, so wie ich es mit den „Slight Delay" auch gemacht hatte. Wir nannten die Tournee „Figga-Tour 89/90". Einen Gig, den wir an Land zogen, war in Wettingen in der „Bar84". Dann ging an diesem Abend die Post ab! Wir spielten unsere Mischung aus Coverversionen von "Quo", "AC/DC" etc. und unsere eigenen perversen Songs, wie den „Tyte Stone RR" oder den "Figga-Song" und würzten das mit unseren Kostümen, Hüten und der damals obligaten Rasierschaumshow. Dazu bewegten wir uns mit unseren Gitarrensendern im ganzen Raum und lieferten nebst Rülpsern und dämlichen Ansagen eine geile Show ab. So etwas hatte die noch nicht erlebt von einer Provinzband. Es waren vielleicht vierzig Leute da, aber die hat das umgehauen. Und durstig waren die auch! Tino kam nach dem Gig und sagte, wir müssten nun am Samstag unbedingt auch spielen. Das taten wir und am nächsten Abend war der Schuppen genagelt voll. Sogar ein paar Kollegen aus Wädenswil und Umgebung waren gekommen und heizten die Stimmung zusätzlich an. Von da an spielten wir jedes Jahr 2-3 mal in der „Bar84". Eine ebenso spassige Angelegenheit war das Hotel. Wir liebten es, das Hotelzimmer von Voodoo umzubauen. So demontierten wir jedes Mal, wenn wir im „Zwyssighof" waren, die WC-Deckel, um diese in Voodoos Bett zu verstecken. Wenn wir frühmorgens nach dem Gig besoffen ins Hotel kamen, dann wurden die Zimmer demoliert und mit dem Feuerwehrschlauch Party gemacht. Wir klopften dazu an Voodoos Zimmer und wenn dieser dann öffnete, dann kam ihm eine geballte Ladung Wasser entgegen. Wir meldeten uns dann in den folgenden Jahren notgedrungen jedes Mal unter einem neuen Namen im Hotel an.

Auch in diesen Jahren gingen wir nach Südfrankreich, um ein paar Wochen im Sommer aufzutreten. Während wir die ersten paar Jahre immer eine Villa mieteten, entschieden wir uns später für Hotels. Einmal wäre das fast ins Auge gegangen. Und das passierte so: Gila-Baby fuhr mit Mutzi mit dem Töff runter und ich und mein Bruder Jürg folgten einen Tag später mit dem Auto. Als wir um sechs Uhr in der früh ankamen, hatten wir schrecklichen Durst. Also fuhren wir zum Hotel und weckten Gila-Baby und Mutzi. Und dann ging es los. Wir soffen innerhalb von ein paar wenigen Stunden Unmengen an Bier, bis wir besoffen die anderen Gäste anpöbelten und in den Kleidern in den Pool sprangen. Uns bleibt das in Erinnerung als das „Petit déjeuner". Die Folge war, dass uns der Hotelbesitzer, sekundiert von zwei böse dreinschauenden Security-Typen, rauswarf. Nun mussten wir mitten in der Hochsaison für rund zehn Personen neue Hotelzimmer finden. Fragt mich nicht wie, aber wir schafften das doch tatsächlich.

Nun reifte die Idee, eine eigene Schallplatte aufzunehmen. Also buchten wir ein Studio und übten vier Songs ein. Wir wussten, dass auf einer Platte eigentlich 8 Stücke Platz haben, aber dem sahen wir ganz entspannt entgegen und dachten, das kommt dann von selbst.

Gila-Baby schrieb dann den Text zum Tyte Stone RR so um, dass alles thematisch und personenbezogen auf die aktuellen Bandmitglieder passte. Die restlichen Songs schrieben Voodoo, Gila-Baby und ich. Was auch nicht fehlen durfte war ein griffiger Titel und ein geiles Cover. Den Titel hatten wir schon lange als Idee im Kopf: "Koitus Interruptus", lateinisch für „kurz vorher rausziehen". Fürs Cover brauchten wir heisse Frauenbeine, ein Bett und einen Vibrator mit ausgelaufenen Batterien.

Geboren war das Baby! Auf die weisse Hülle - die Innentasche - musste natürlich auch noch etwas geschrieben werden und so stellten Gila-Baby und ich die Texte, Anmerkungen usw. zusammen.

Unter anderem schrieben Gila-Baby ein kleines Vademekum zu Tyte Stone. Anbei ein Auszug daraus: „Der Tyte Stone Bube ist nur in bestimmten Regionen Graubündens angesiedelt und sein bevorzugter Lebensraum ist das gemütliche Restaurant. Das ausgewachsene Männchen erreicht eine Grösse von 1.87 m und ernährt sich fast ausschliesslich von Alkohol. Auf der Bühne geben sich die Buben, von denen übrigens jeder zu seiner heterosexuellen Neigung steht, recht locker. Die Bekleidung ist zuweilen eher schlicht. (Juli 1989)." Der einzige Song, der sich aus dieser LP noch im Programm befindet, ist der „Tyte Stone Rock n Roll".

Die Plattentaufe wollten wir dann am nächsten Gig vornehmen. Und das war bei Tino in Wettingen in der „Bar84". Wir verkauften dann innerhalb eines Jahres rund 800 dieser Scheiben und hatten so die Auslagen bald wieder eingespielt. Die damals eingeführte WC-Schüssel war eine Art Talisman, der uns vor hässlichen Groupies und Tripperepidemien beschützen sollte. Für Voodoo war der Schutz leider ungenügend, aber da halfen jeweils eine Spritze und ein paar Antibiotika. Wir stellten das Keramikteil vor uns auf die Bühne und wer wollte, der durfte draufsitzen. Auch hat Klo’d eine Rauchmaschine angeschlossen und eine Lampe eingebaut. Das sah ziemlich spassig aus, speziell, wenn wir "Smoke on the water" spielten.

Seit dieser Zeit haben wir auch stets eine aufgeblasene Gummipuppe auf der Bühne. Die wird dann bei Tyte Stone Rock n Roll oft ins Publikum geworfen und ab diesem Zeitpunkt wollen wir gar nicht mehr so genau wissen, was mit ihr geschieht. Manch ein Fan hat sich eine Gummisusi an einem Gig ergattert und diese zuhause aufgehängt.

Mit dem steigenden Erfolg, den die Band verbuchen konnte, und dem positiven Echo, das unsere akademisch herausfordernden Texte hervorrief, wurde der Wunsch nach einem neuen Tonträger natürlich immer lauter. Wir wollten die Chose nicht auf halben Weg beenden, sondern das Konzept kontinuierlich und konsequent ausbauen. Wer weiss, vielleicht würden wir ja von einem Produzenten entdeckt und berühmt. Also erging der Befehl an alle Bandmitglieder, Songs für die nächste Scheibe zu schreiben.

Thematisch hatten wir klare Vorstellungen, wohin die Reise diesmal gehen sollte. Eben war so ein pausbäckiger Liechtensteiner in Chur zum Bischoff befördert worden. Das Schwuchtelgesicht W. war (und ist es wohl immer noch) erzkonservativ und hätte die mittlerweile abgeschaffte lateinischen Messe am liebsten wieder eingeführt. Ein gefundenes Fressen für uns! Wir waren eh der Überzeugung, dass das Gros der Kleriker schwul, pädophil oder beides ist, und so taufen wir in Anlehnung an die Schäfchen und den Hirten das Projekt „Im Jahre des Schafes".

Zu dieser Zeit nahmen wir uns auch vor, wieder einmal einen neuen Kleber zu machen. Wir mieteten uns Kostüme und verabredeten uns an irgendeinem Sonntag mit Fisheye-Peter, dem Fotografen. Im Hintergrund wollten wir die Kathedrale von Chur haben, denn wir waren als Bischof und Nonnen verkleidet. Alle trugen Gummistiefel, und als Utensilien hatten wir übergrosse Dildos mitgenommen. Nun, für eine vulgäre 5-Kopeken Leningrader Hafennutte, die seit dreissig Jahren im Geschäft ist, wäre er vielleicht nicht zu gross gewesen. Das mit den Gummistiefeln muss ich erklären. Wir stellten uns vor, dass wenn ein Schafhirte sich an seine Schafe ranmachte, das nur dann zum Erfolg führen konnte, wenn er die Hinterbeine des Tieres in seine Gummistiefel steckt. Sonst wäre das Vieh ja dauernd davon gerannt! Was das mit dem Bischoff zu tun hat? Nun, der ist ja auch ein Hirte, das ist die Metapher, Mensch! Andererseits, uns fiel beim Fotografieren auf, dass uns mehrmals Nonnen und andere Leute kopfschüttend beobachteten. Für unseren Geschmack waren es verdammt viele, mehr als an normalen Sonntagen. Am drauffolgenden Montag wussten wir auch wieso, denn in der Zeitung schrieben sie, dass es der Weisse Sonntag gewesen sei. Timing ist alles.

Wieder gingen wir ins Studio, und nahmen in zwei Wochenenden unter Mithilfe etlicher Sixpacks das Werk auf. Nun, ich muss eingestehen, dass wir ab und zu aus esoterischen Gründen auch ein Kirschstengeli gegessen haben. Ich streue hiermit Asche aufs Haupt und bekenne mich im Sinne der Anklage für schuldig. Auch hier wurde wieder viel improvisiert. Kaum ein Song war fertig, als wir ins Studio gingen, kaum ein Solo parat. Aber das wäre ja auch zu einfach und keine Herausorderung gewesen!

Die Scheibe kam dann Ende 1990 raus und wir haben bis heute um die 5'000 Stück davon abgesetzt. Noch immer sind Songs aus dieser Scheibe gefragt und wir haben, nachdem die Scheibe nach diversen Nachpressungen ausverkauft war, einige Titel auf den Best-of Sammlern wiederaufgelegt. Im aktuellen Bühnenprogramm spielen wir immer noch „Rudlfigg" und „Dirty Harry".

Entgegen kürzlich kolportierter Gerüchte haben wir nie einen Franken pro verkaufte CD dem „Verein Homosexueller Pfarrer" gespendet.

Dieses Jahr ging es bereits zum dritten Mal nach Südfrankreich und seit dem zweiten Mal kamen Voodoo und Klo’d mit, denen das auch sehr gut gefiel! Voodoo war oft die Attraktion, wenn er mit Bass und Sender auf einen Baum stieg und dort oben mit der Band weiterspielte. Voodoo hatte auch sonst ein paar geschichtsträchtige Macken. So hasste er es, wenn man zu viele Schlager spielte. Er war der irrigen Meinung, dass die Leute auf den Campingplätzen, zumeist Familien aus ganz Europa, nur AC/DC hören wollten. Wenn wir dann mehr als drei ruhigere Songs hintereinander spielten, dann verdüsterte sich Voodoos Stimmung dramatisch. Seine Mundwinkel fielen dann ins Bodenlose, seine Stimme wurde bedrohlich weinerlich und seine Augen feucht. Dass es in seinen Turnschuhen auch nass wurde, brauche ich ja wohl nicht zu erwähnen. Seine Protestnote wurde dann untermalt durch demonstratives an den Boden liegen während des Spielens. Den Leuten gefiel's, denn die dachten, das wäre wieder so eine typische Voodoo-Showeinlage! Wir mussten dann unser ganzes psychologisches Geschick aufbieten, um ihn mit einem Heavykracher zuerst wiederzubeleben und dann zu besänftigen. Oft mussten wir uns dann von ihm „weiche Kröten" nennen lassen. Das hat uns natürlich schon gekränkt.

Es folgten wieder viele Gigs in der Innerschweiz, Graubünden, im Luzerner Hinterland, im Wallis, und, und, und... der Ruf schien uns vorauszueilen! Eine Konstante gab es bei all diesen Gigs.

Oft spielten wir auch in Schwyz in der „Linde" und hatten gröbere Parties. Einmal schrieb die eher konservative Lokalzeitung, nach dem Gig hätte man Kot und Erbrochenes auf der Strasse gefunden. Davida, der Aushilfsdrummer an diesem Abend, empfand das als Kompliment. Klo’d war übrigens für einmal ausgefallen, weil er eine fette Eisse am Arsch hatte.

In der Zwischenzeit hatten wir uns sogar eine Uniform zugetan. Gila-Baby bestellte in München für die ganze Band echte Bayerische Lederhosen, die wir seither an jedem Gig anhaben.

Das war auch an einem Silvesterauftritt 89/90 in Einsiedeln nicht anders. Vor uns spielte Angi Burri, der kranke und kurzgeschnäbelte Blutsbruder von Winnetou. An dem hatten wir im Nu den Narren gefressen, bis zum Exzess haben wir ihn ausgelacht und angezündet. Er fand es nicht so toll und meinte er sei doch ein Superstar. An unserer Show dann beteiligten wir rund vierzig Männer aus dem Publikum. Jeder musste sich ausziehen und bekam ein Fasnachtshütchen, um den Schnidel abzudecken, und durfte dann auf der Bühne mittanzen, Bier saufen und gröhlen. Das war dann für eine Weile Dorfgespräch!

An der Wädi-Rock-Nacht spielten wir auch zwei Mal, jedes mal fiel der Strom mitten in der Show aus. Einmal fuhr ein Besoffener in den Strommasten, das andere Mal schlug der Blitz ein. Wir veranstalteten dort auch den „Arsch von Wädenswil" Contest. Jeder bekam eine Startnummer auf den Arsch gesprayed und das Publikum erkor mit der Lautstärke des Applauses den Sieger. Nicht alle kamen freiwillig. Ein paar wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen rekrutiert und haben sich dann herrlich geschämt.

An jeder Fasnacht spielten wir auch in Goldau bei Yvonne und Ueli in der Krone und hatten geile Feten. Dort trugen wir dann anstelle der Elefäntchen nur Fasnachtshütchen. Pech, wenn das Gummiband riss, denn dann wurde nämlich weitergespielt. Auch im Hirschen bei Franz und Mary spielten wir jedes Jahr mindestes einmal. Der Saal war immer brechend voll und das halbe Muotathal kam an die Gigs. Ja, der Kanton Schwyz war neben Graubünden und Luzern eine Hochburg! Auch die Ob- und Nidwaldner hatten Freude an uns und die Walliser haben uns auch fast gefressen.

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